Abhandlungen über das Nichts

aüdnc  “Abhandlungen über das Nichts”

Grundlegend für alle Zeilen ist die Idee vom Nichts als existente Form. In den Geschichten begegne ich Figuren wie dem Pfützensammler, dem Jungen unter der Trauerweide, Elvis nach Acht, Henry Viertelnachzehn, Jenny Neunuhrmittag oder dem Mann, der über eine Wolke stolperte und darin umkam. In diesem Universum geht nichts und niemand verloren.

Buchdaten: “Abhandlungen über das Nichts”, Shaker Media, 2015, ISBN 978-3-95631-293-9, 90 S., 21 Bildnisse, 11,90 Euro

Auszüge:

Du bist zu Ende

Und dann gehen einfach die Lichter aus? Alle Lichter? Auch die Sterne?“

Kurz zuvor hatte er nach dem Whisky-Glas getastet. Mit der rechten Hand am Sessel herab. Rechts war seine schwache Seite. Er fand die kühle Brühe, die sein Fieber linderte. Keine Infektion organischer Art. Nur seine Depression, die ihn seit 44 Jahren von Zeit zu Zeit am Knie antippte und bedächtig die Stirn küsste.

Ja. Dann erlöschen Sie. Einfach so. Und du tust nichts dagegen, lässt es geschehn. Du brauchst kein Licht mehr, denn du musst nichts mehr finden.“

Er dachte darüber nach, befand es für gut und legte sich schlafen.

Du bist!“

Das wusste er. Immer wieder hatte man ihn mit dieser Kalorienbombe gemästet – riesige Tortenstücke für den implizierten Hunger und den klaffenden Rachen. „Du bist. Also sei!“

Oh ja, und wie er war. Zunächst kriechend über flauschige, beigefarbene Decken, saftige Wiesen, einladende Betten, dann stolpernd entlang der Ruinen einer späten Jugend, gebeugt von der Last seiner Tatenm, seiner Schuld und zuletzt wieder zäh mäandernd über zerwühlte, aufgerissene und fleckige Laken, durch löchrige Straßen, die er mit altem Laub im Maul durchstriff.

Er wachte noch einmal auf.

Der Mensch verließ das Haus, überprüfte ausgiebig den Verschluss der Türe und entschied sich, nicht einen unfallversprechenden Bus in die Stadt zu nehmen – stattdessen bemühte er den schweren Körper durch den Park, verachtete die Enten und auch die verliebten Pärchen mit ihren Hunden und pinken, mit silbernen Sternchen verzierten, Frisbee-Scheiben, die die Witterung zerschnitten.
Beim ersten Luftzug hinter dem Weiher schmeckte er ein unbekanntes Aroma:
„So mundet also Schwarz“, hörte er sich zur eigenen Verwunderung sprechen. Dann fiel er langsam in sich zusammen. Es dauerte Stunden, bis er auf dem weichen Erdboden aufschlug, der ihn wie einen kleinen Jungen zärtlich in die Arme nahm.

Du bist …“

Ja doch. Ich weiß, weiß, weiß …“

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Du bist zu Ende“, hauchte sich eine Stimme warm und weich über seine matten Lippen. Er lachte kurz über das Abendlicht auf dem Gewässer und schloss die Augen.

der pfützensammler

Einmal traf ich den Mann, der Pfützen sammelte. Das erzählte er
mir jedenfalls. Seine Kollektion habe ich nie gesehen. Als wir uns
begegneten, war er schon sehr alt. Unsere Wege kreuzten sich an
einer Bahnhaltestelle. Es war Sonntag. Die Züge fuhren nur alle
zwanzig Minuten, und wir waren zu früh. Es regnete stark. Der
Halt war einer der wenigen noch unüberdachten im Bezirk.
Unser Aufeinandertreffen währte nur wenige Minuten. Danach
sahen wir uns nie wieder.
„Schöner Regen. Gutes Wetter. Da sollte man draußen sein, nicht
wahr?“, stellte der hünenhafte aber hagere Kerl fest. Dabei
zwinkerte er mit seinen erstaunlich kleinen Augen, und seine
dunkelblaue Baskenmütze lächelte.
„Wie bitte?“, entgegnete ich irritiert. „Es regnet. Ich werde nass
und fange mir vielleicht ´ne Erkältung ein. Na wunderbar“, hatte
ich nicht den Mut, dies zu verlautbaren, sondern ließ es bei den
Gedanken. Doch der Kerl blickte in mich.
„Das muss man nicht so sehen. Den meisten Regen bekommen ja
nicht sie, sondern der Stadtteil ab. Zumindest relativ gesehen,
wenn wir das Areal bis zur Bezirksgrenze als Fläche annehmen.
Wir sind ja lediglich zwei unscheinbare Objekte hier“, folgerte
der Mensch.
An seiner Nasenspitze klebte ein Wassertropfen und wurde
schwerer – ein Bildnis, das ich grundsätzlich nur mit Grauen
ertragen kann.
„Ja, natürlich, relativ gesehen“, entfuhr es mir. „Keine Chance,
gegen diese Logik anzukommen“, dachte ich.
„Besser gar nichts mehr sagen, außer ‘Ja’, ‘Ja, ja’ oder ‘genau’.“

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„Früher habe ich Pfützen gesammelt. Es war das schönste Hobby.
Viel besser als Vereinssport oder Geselligkeiten in einer Kneipe“,
berichtete der Mann.
„Was?“
„Kleine, mittlere, große, riesige, breite, schmale, seichte, tiefe,
schmutzige und reine Pfützen. Eine jede hatte ihre eigenen
Charakteristika.“
„Verdammt, noch fast zehn Minuten, bis die Bahn kommt, und ich
stehe hier im Regen mit einem Freak“, reflektierte ich meine
ausweglose Situation. Vielleicht sollte ich einfach gehen.
„Das ist in der Tat originell. Von einer solchen Passion habe ich
bisher noch nie gehört“, antwortete ich.
Er schaute mich nun eindringlich an. Seine Mütze lachte nicht
mehr. Der Mensch drang tiefer in mich.
„Dafür wurde ich Zeit meines Lebens verhöhnt. Finden Sie das
nicht komisch, Pfützen zu sammeln?“, fragte mein Gegenüber
und ließ mich keinen Moment aus den Augen.
„Und, äh, wie haben Sie das angestellt, ich meine, wie geht denn
das, Pfützen sammeln?“
Er blickte gen Himmel, dann auf die Straße und wieder in den
Horizont. Mir schien, nicht seine Sehorgane, sondern seine Seele
sandte Lichtkegel in die Welt, gleich einem Leuchtturm.
Nach einer Weile sprach der Alte langsam, „Man kann so ziemlich
alles. Glauben Sie wirklich, dass eine Pfütze ein Problem für so
ein komplexes Wesen wie den Menschen darstellt?“
„Also, nein. Eigentlich nicht“, antwortete ich wahrheitsgemäß.
„Wir vermessen die Welt und das Universum, spalten Atome,
entschlüsseln die DNA, kopieren Schafe und bald uns selber,
erschaffen Götter, und Sie zweifeln, ob es möglich sei,
Wasserlachen zu bewahren …“
In diesem Moment fuhr die Bahn auf das Gleis ein. Ich hatte sie
gar nicht kommen sehen. Im dichten Regen tauchte das Gefährt
wie ein Geisterschiff lautlos aus dem Nichts hervor.
„Welch sonderbare Wesen wir doch sind“, sagte der
Pfützensammler und verharrte im Unwetter, während ich mit
einem Satz ins Trockene sprang. Ich sah ihm nach und hätte
schwören können, dass er kniend mit seiner linken Hand etwas
in die Baskenmütze aufnahm.
Ein übergewichtiger, tropfender Fahrgast fluchte leise vor sich
hin, „Dicht machen. Die ganze Stadt. Überbauen! Wir spalten
Atome, schicken Sonden zum Saturn, machen die Welt uns
untertan, ha …“

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Eine Antwort zu Abhandlungen über das Nichts

  1. Eine sehr märchenhafte Geschichte. Gefällt mir darum von Haus aus 🙂

    Gefällt mir

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