In den Teufeln meiner Augenblicke

idtma“In den Teufeln meiner Augenblicke – Protokolle eines Zwangskranken” erschien 2008 zunächst in Eigenproduktion. Im gleichen Jahr erfolgte die Veröffentlichung via Shaker Media. Am Buch habe ich rund zweieinhalb Jahre gearbeitet und dafür intensiv in den Beständen der Bibliothek der Universitätsklinik Köln recherchiert. Das Werk enthält die authentischen Aufzeichnungen eines Zwangskranken. Zwar bestand zum damaligen Zeitpunkt bereits eine große Auswahl an Fachliteratur, die Schilderung über Wasch-, Kontroll-, Ordnungs- oder Gedankenzwänge durch Betroffene war jedoch gering. In den wenigen der letztgenannten Werken wurde meines Erachtens die Auswirkungen der Störung auf Sexualität und soziales Umfeld der Personen im Wesentlichen umgangen. Zudem fehlte der Heilfaktor des Humors. Ich entschloss mich also zu einem Seelenstriptease. Das Buch enthält neben einem wissenschaftlichen Essay Kurzgeschichten, Lyrik und zwei Tagebücher aus der Hölle meines bisherigen Daseins. Der Schreibprozess stellte die vielleicht wirksamste Medizin gegen die Krankheit dar. Das Werk erschien unter dem Namen meines alter ego “Halmas Thod” – einem Anagramm.

Buchdaten: “In den Teufeln meiner Augenblicke – Protokolle eines Zwangskranken”, Shaker Media, 2008, ISBN 978-3-86858-039-6, 312 S., 18,80 Euro

Auszüge:

Ich Absurd – Eine kurze Einführung über das Ende der Einfachheit

Die folgende Störung ist eine Zwangserkrankung. Der Mensch gehorcht nun Befehlen, die zunächst wie seichte Blitze durch die Gärten einer angesehenen Wohnsiedlung trollen, um schließlich gellend durch alle Kellerfenster zu schlagen, unter die Betten und verriegelten Toilettentüren eines beschaulichen Hauses fahren und den „Erleuchteten“ zum Beobachter seiner eigenen Absurdität und Hilflosigkeit in den Spiegelkabinetten eines endlosen Bewusstseins verdammen.

Dies ist die Geschichte eines bitteren Erwachens und doch ein Märchen des süßen Lebens, das sich erinnert, das mehr will.

im garten winter

Und seine Bühne ist ein Gefängnis
in dem das kleine Leben thront
ein Garten Winter, den es nicht mit Kälte schont
ein stets geöffnetes
Theater
das es nicht als Gast besucht
ein Kopf, aus dem es flieht
in den`s es wieder zieht –
der Geist, den es verflucht

Wahnsinn kann man nicht erfinden. Er weilt allgegenwärtig hier. In Anbetracht dessen, was dies bisschen Wachsein mit den Menschen macht, möchte man den Oberkommandierenden bitten: Herr, vergib Ihnen ihren Sarkasmus – und spende endlich einen beeindruckenden lateinischen Namen für ihr Übel. Doch Gott sei Dank für Adrian Monk, Sharona Fleming, Natalie Tiiger und natürlich Jack Nicholson alias Melvin Udall.

Muss man noch erwähnen, dass dem Protagonisten Weinerlichkeit, Zauderei und Sinnlosigkeit aufs Schärfste verhasst sind (genau wie seinem Vater)? Doch weder Trauern noch Lachen helfen ein Leben lang. Vielleicht hält es sich dazwischen für ein bisschen weniger als die Ewigkeit aus …

… Zwangserkrankte haben keine Zeit mehr für lockere, unverbindliche Gespräche, Spielabende, die Familie und Verabredungen mit der Freundin oder dem besten
Freund. Sie müssen wischen, waschen, bohnern, zählen, kontrollieren, sammeln, wiegen, kratzen, schneiden, reißen, ordnen, stutzen, schieben, tun und machen ohne Sinn und Aber, müssen denken, denken, denken, bis die Hirnhaut sich vom Schädel schält, die Verunsicherung sich aus den Augen brennt und die Liebe, noch in Unterwäsche, den Zug nach Nowosibirsk nimmt! Das Haus des Infizierten wird zum heiligen Tempel, den kein Sterblicher so schnell beschmutzt. Man fühlt sich sicherer in Isolation und Abwesenheit; und auch der Job wird unvermeidlich bald zum „Albtopia“, denn das Heim legt seine Netze wie eine schwarz-rote Spinne aus. Man entrinnt ihnen, gleich einem verängstigten Insekt, trotz verzweifeltem Reißen und Strampeln, nicht mehr. Überall lauern junge, frische
Missstände. Mit fünfunddreißig kann man verflucht alt aussehen …“

Die US-amerikanische Fernsehsendung Monk (seit 2002), deren Protagonist, der Privatermittler Adrian Monk aus San Francisco – ein ehemaliger Polizist – unter Zwangsstörungen leidet. Die Krankheit entfaltet ihre „positiven“ Seiten, indem sie Monk durch übersteigerte Wahrnehmung einen elementaren Vorteil bei der Auflösung seiner Fälle ermöglicht. Zur Seite stehen dem Detektiv seine Assistentin Sharona Fleming und, nach deren Umzug und Heirat, Natalie Tiiger.

Jack Nicholson spielt in der amerikanischen Komödie Besser geht´s nicht (1997) den Charakter Melvin Udall, der mit seinen Neurosen den Mitmenschen das Leben schwer macht. Für seine schauspielerische Leistung wurde Nicholson mit einem Oscar bedacht …

vorbei

Mit jedem Schluck ein Bild von dir
Vorbei, dein Blick an mir
Entzweit
der Augenschlag zwischen uns und einer ganzen Welt,
die schon am ersten Tag aus ihren Träumen fällt
und in ihrem Sommer „Kälte! Kälte!“ schreit
Wie schnell wir sind
auserkoren – heilig

Moment verloren
wie eilig all das Liebesgeschrei –
vorbei, vorbei

Zurück in die Dunkelheit

„In die Dunkelheit. Ich kann es nicht erwarten, weniger zu
sehn! Dieses Licht, temporäre Gottheit, antwortet nicht auf
meine Rufe – hört sie nicht einmal. Es war doch nur alles
Wunschdenken und Süßstoffillusion.“
Der Geist in der Flasche gewährte dir einen Wunsch, und
du wähltest die Liebe. Du hättest Geld, Schmuck, Ruhm
oder Barockschlösser nennen sollen. Alles dies wäre dein
gewesen. Aber dir trachtete nach Unvergänglichkeit der
Seelen. Wie kann Es Lieben, was Es nicht begreift?
Genie, der Wunscherfüller, verschwand, die Flasche blieb
– leer. Und du trennst sie jede Nacht von erstaunten
Träumen. Kannst nicht loslassen von deinem Willen,
kannst dich nicht befreien.
„Frage: „Ist es möglich, zu existieren, ohne zu sein?““
Keine Antwort.
Zurück zum Anfang. Liebe existiert … in Ihrer
Abwesenheit. Sie wird zum schlimmsten Zwang durch das
kleinste Körnchen ihrer Möglichkeit und erst recht dann,
wenn sie am Orte angekommen ist, wohin sie sich
verirrte. Es ist unmöglich, über die Krankheit zu sprechen
und sie zu verschweigen. Aber es klappt nicht. Bei allen
guten Vorsätzen. Es kann nicht gelingen, denn der
Mensch liebt sich selbst nicht mehr. Nicht nach einem Tag
wie diesem …

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